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Em.Diözesanbischof Dr. Klaus Küng
St. Georgs-Ritter, Budapest 27.4.19

Kaiserliche Hoheit,
liebe St. Georg-Ritter,
liebe Kandidaten und Freunde!

Wenn heute in der Basilika St. Stephan, der größten Kirche Budapests und Konkathedrale des Erzdiözese Esztergom, Ritter aufgenommen werden und wir zuvor Eucharistie feiern, ist das ein Zeichen der europäischen Gesinnung des St. Georg-Ordens und zugleich ein Hinweis, dass für den Orden der Glaube an Christus, den Auferstandenen, grundlegend ist.

Im Evangelium des heutigen Tages (Samstag in der Osteroktav) wird uns berichtet, wie der Auferstandene zuerst Maria von Magdala erschienen ist und dann zweien seiner Jünger. Die anderen Jünger aber glaubten deren Erzählungen nicht. Jesus tadelte sie wegen ihres Unglaubens. Erst allmählich lichteten sich die Zweifel, ihr Glaube erstarkte nach und nach  durch die Begegnungen mit Jesus und vor allem nach der Herabkunft des Hl. Geistes.

Heute, in unserer Zeit, erleben wir ein Phänomen ganz anderer Art: unsere Länder in Europa sind zwar vom Christentum geprägt. Wir haben wunderbare Kirchen, die ein fester Bestandteil unserer Heimat sind: Hier die Basilika, in Wien der Stephansdom. Und welcher Aufschrei ertönte in der vergangenen Woche in weiten Teilen Europas, ja, in der ganzen Welt, als Notre Dame in Flammen aufging! Kardinal Schönborn brachte es auf den Punkt als er sagte: Das Herz von Paris brennt. Trotzdem scheint in den Herzen vieler Europäer die Gestalt Jesu zu verblassen. Noch immer sind die meisten getauft, aber die moderne Welt nimmt sie in Beschlag. Sie sind ganz ausgerichtet auf Fortschritt und Wohlstand. Es bemächtigt sich ihrer eine Denkweise, die sich eine Welt konstruiert, in der Gott nicht vorkommt, ja, in gewissem Sinn gar nicht nötig ist. Sie meinen, alles sei machbar und sie legen selbst fest, was für sie einen Wert darstellt und ein auch heute gültiges Gebot ist.

Kann das gut gehen? Unvergesslich sind mir einige Reisen am Beginn der 90iger Jahre in Länder des früheren Ostblocks. Es war für unsere Begriffe beinahe unglaublich, wie ruinös die Städte waren. Das war das Resultat einer Weltanschauung, die von der Überzeugung ausging, die gerechte Verteilung der Güter führe zur Überwindung der Klassenunterschiede und das sei die Lösung. Das war der Versuch einer Lösung ohne Bezug zu Gott, ohne Beachtung seiner Gebote. Und ich denke manchmal, dass im westlichen Kapitalismus das Ergebnis ähnlich sein wird. Vieles weist jetzt schon darauf hin: es gibt Menschen, die sehr reich sind. In materieller Hinsicht haben sie alles oder fast alles. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie glücklich sind. Es kann aber auch geschehen – das geschieht fallweise schon jetzt -, dass selbst der erreichte Wohlstand keinen Bestand hat und die an sich reichen Länder eine neue Art von Armut heimsucht, weil das Fundament aus Sand ist und auf Dauer nicht standhält. Im Alten Testament werden jene, die an Gott nicht glauben, als Toren bezeichnet (Psalm 53,2). 

 

Es ist die große Aufgabe beherzter Menschen, für jene Werte einzutreten, die für die Entfaltung des Menschen wesentlich sind. 

Wir hörten in der Lesung aus der Apostelgeschichte den Bericht über die Einvernahme des Petrus und des Johannes durch die Ältesten und Schriftgelehrten. Sie sahen keinen anderen Ausweg als die beiden Apostel freizulassen, denn ein offenkundiges Wunder war geschehen. Sie wollten ihnen aber bei Strafe verbieten, je wieder im Namen Jesu zu irgendeinem Menschen zu sprechen. Doch Petrus und Johannes antworteten ihnen: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf Euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“

So stelle ich mir die Haltung eines St. Georg-Ritters vor: Wenn es um Werte geht, die für die Entfaltung des Menschen von großer Bedeutung sind, ist es notwendig, mutig für sie einzutreten. Welches sind diese Werte? – Letztlich sind es die christlichen. Sie sind an sich für die Vernunft einsichtig. Sie gelten unabhängig davon, ob man glaubt oder nicht glaubt. Sie hängen mit dem Ursprung des Menschen zusammen und mit dem Ziel, auf das der Mensch – jeder Mensch – ausgerichtet ist. Sie erklären sich vom Schöpfer, von Gott her, nach dessen Abbild der Mensch erschaffen worden ist und der sein Ziel ist. Es wird notwendig sein, über diese Werte zu reden, für sie einzutreten und sie zu verteidigen, weil sie für das Wohl des Einzelnen und für das bonum commune, für das Allgemeinwohl sehr wichtig sind. 

Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ Das ist nicht nur Aufgabe der Apostel. Jeder Christ muss seine Verantwortung wahrnehmen, und wenn jemand St. Georg-Ritter ist oder wird, sollte dies m.E. eine besondere Verpflichtung sein, insbesondere im Zusammenhang mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zugleich ist es eine große und wichtige, auch schöne Herausforderung. So wünsche ich Ihnen allen Gottes Segen, den Beistand des Auferstandenen und die Fürsprache seiner Mutter Maria.